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Kurzgeschichten

Irgendetwas ist doch immer

Ich bin seit einer Minute aus dem Haus und stehe an der erst kürzlich ausgetauschten Ampelanlage unserer Kreuzung. Ich starre auf meine Cord-Turnschuhe, die auf dem weißen Plattenboden mit Rillenstruktur grotesk komisch aussehen – und denke. Denken ist nicht gut – für mich –  und an dieser dicht befahrenen Kreuzung ist es ohnehin nicht empfehlenswert.

Im Grunde  wie jeden Morgen, wie immer wenn ich hier stehe. Wird nicht lange dauern, und ich werde feststellen, dass mein Gehirn kein Parallelrechner ist und die Menge an Sprunggedanken den Rahmen des rational verkraftbaren sprengt. In solchen Augenblicken wünsche ich mir eine Inselbegabung, ein Ventil, eine Marotte zum besseren Überleg(b)en. Ich möchte Genie sein oder geile Sau, ein Platz zwischen diesen beiden Extremen sehe ich nicht. Mein dualistisch-schwarz-weißes Fluchtdenken. Und besonders deshalb halte ich eine gelungene Kombination der beiden für erstrebenswert.

Es geht auch einfacher: Aufschreiben. Dern Kopf frei kriegen. Zweifel ablegen. Nicht weil es jemand lesen müsste. Der Leser entscheidet es eh für sich allein, ob und inwieweit er dem Geschriebenen folgen möchte. [Stellt das ganze Boheme des Buchmarktes irgendwie in Frage, wenn man es aus dieser Richtung betrachtet.]

Schreiben hat darüber hinaus den Vorteil, das einem keiner ins Wort fällt. Ausreden können, ist damit der Motivation des Lesers überlassen, der dies in einem Gespräch, der Situation entsprechend, sich nicht die Muße genommen hätte.   Nicht ohne Grund nutzen wir bei Konflikten, insbesondere Herzensangelegenheiten gerne die Schriftform. Oft, erreicht das Geschriebene den Adressaten gar nicht, da man eine Nacht drüber geschlafen hat und die Gedanken mit dem Schrieben sortiert oder anders formuliert aufgeräumt hat.

Für mich sind Kurzgeschichten dementsprechend so etwas wie ein kanalisierter oder dem Zeitgefüge des dem Gegenüber angepasster  Dialog, ohne dass es einer von beiden Seiten von Bedeutung wäre, dass ihre Interpretationen den anderen überzeugen müssten, um auf ein einfacheres Verständnis zu hoffen oder bessere Akzeptanz zu buhlen.

Das ist sehr entspannend.

Euer stadtläufer