Die Mitte ist nie genug

Die Mitte ist nie genug.

Eines der intensivsten Werke des stadtläufers. Schonungslos ehrlich und nah an Herz und Verstand. Gleichzeitig ist das Buch ein zynisches Sittengemälde der 80er-Jahre-Generation dies- und jenseits des Bosporus. Der Erzähler ist ein Zufallsprodukt der seltsamen Begegnung zwischen zwei Träumern aus dem Abend- und Morgenland und somit ungewollt mittendrin: zwischen Glaube und Moderne, Widerstand und Nationalismus, Banalität und Komplexität, Verzweiflung und Katharsis. Im Grunde zwischen allem, jedem und absurder Weise sogar sich selbst.

Die Mutter: Tochter einer türkischen Akademikerfamilie, Vollblut 68erin, die in Deutschland auf eine außergewöhnliche Karriere zurückblicken kann.

Der Vater: Kriegsgeneration, Arbeiterfamilie, der nie aus den bipolaren Fängen seiner BDM-idealisierten Mutter entkommen ist und an Realitätsverlust scheiterte.

Die Familien: Widersprüche in sich und stetig bemüht, dem Jungen ihre jeweiligen Ideale nahezubringen. Auf der türkischen Seite überzeugte Kemalisten mit einem westlich modernem Lebensstil und gleichfalls orientalisch wohlhabender Überheblichkeit. Auf der deutschen Seite teils überzeugte Kommunisten im Widerstand und ebenso durch den Nationalsozialismus verblendete Spießbürger.

Alle unter einem Dach.

Jeder ist der festen Überzeugung, dass die jeweilige Familie, der Clan das wichtigste sei. Ein Kartenhaus voller Lügen, das mit dem Versterben seiner Rädelsführer in sich zusammenbricht. Somit stellt dies für den Autor eine mühsame Expedition nach einer Art allgemein nützlicher Überzeugung. Ein Sein, das an die Seele seiner Städte Berlin und Istanbul erinnert, die irgendwo in der Mitte existieren und für sich selbst akzeptiert sein wollen, jedoch von außen beständig genötigt werden, sich für eine Seite zu entscheiden. Das Werk gleicht einem Puzzle, dessen Teile sich mit der schreitenden Lebenserfahrung zusammensetzen und ein Bild zeigen, das mehr als nur die Zerrissenheit einer ewig kindlich bleiben wollenden Generation widerspiegelt, beschrieben von einem, der inmitten der Geschehnisse, jedoch nie darin zu sein scheint.

Eine Reise, die als Ziel Liebe und Glück versprach, die den mühsamen Weg dorthin verschwieg und zum Ende hin mit etwas weit Wertvollerem aufwartet: Klarheit, Unabhängigkeit und Gelassenheit. Die Freude am Altwerden in vollen Zügen genießen und nutzen zu können.
Eine geistige, spirituelle sowie körperliche Sinnlichkeit zu erfahren.